Norwegen gilt für viele als Land der weiten Natur, der Wälder, Fjorde, Berge und Wanderwege. Doch eine neue Auswertung des Norwegischen Instituts für Naturforschung, kurz NINA, zeigt: Auch in Norwegen verschwindet Natur Stück für Stück – und zwar nicht nur irgendwo, sondern auch in Gebieten, die von den Kommunen selbst als wichtig oder sehr wichtig für das Friluftsliv eingestuft wurden.
Mit „Friluftsliv“ meint man in Norwegen mehr als nur Wandern. Es geht um Aufenthalt und Bewegung draußen in der Natur, um Erholung, Alltagsspaziergänge, Skitouren, Angeln, Beerenpflücken, Familienausflüge und das besondere Naturerlebnis, das tief zur norwegischen Kultur gehört.
Laut der neuen NINA-Auswertung wurden zwischen 2018 und 2024 insgesamt rund 275 Quadratkilometer Natur in Norwegen bebaut. Davon lagen 73 Quadratkilometer in kartierten Friluftsliv-Gebieten. Besonders brisant: Ein sehr großer Teil davon betraf Gebiete, die als „wichtig“ oder „sehr wichtig“ für Freizeit und Naturerlebnis bewertet waren. Im Artikel ist von 59,3 Quadratkilometern solcher besonders wertvollen Friluftsliv-Flächen die Rede – das entspricht etwa 8.500 Fußballfeldern und ist sogar größer als der neue Østmarka-Nationalpark bei Oslo.
Das Problem ist dabei nicht nur die einzelne Hütte, Straße oder Gewerbefläche. Entscheidend ist die Summe vieler kleiner Entscheidungen. In Norwegen spricht man oft von „bit for bit“-Nedbygging: Natur verschwindet nicht immer durch ein riesiges Einzelprojekt, sondern durch viele kommunale Bauentscheidungen, neue Ferienhausgebiete, Wohngebiete, Straßen, Gewerbe, Energieanlagen oder Infrastruktur.
Gerade die Kommunen spielen hier eine zentrale Rolle. Nach dem norwegischen System sollen sie ihre Friluftsliv-Gebiete kartieren und bewerten. Der Leitfaden des Miljødirektoratet betont, dass solche Karten eine wichtige Wissensgrundlage sein sollen, damit Erholungsräume bei der Planung gegen andere Interessen abgewogen werden können. Gleichzeitig zeigt die neue Auswertung: Selbst kartierte und als wichtig bewertete Gebiete sind nicht automatisch vor Bebauung geschützt.
Noch deutlicher wird die Dimension beim Blick in die Zukunft. Laut einer weiteren Auswertung, die Norkart im Auftrag des DNT erstellt hat, sind in Norwegen mehr als 5.500 Quadratkilometer für künftige Bau- und Nutzungsänderungen vorgesehen. Mehr als 40 Prozent dieser geplanten Flächen liegen in kartierten Friluftsliv-Gebieten. Besonders häufig geht es dabei um kommunale Arealpläne, Ferienhäuser, Wohnbebauung, Gewerbe und Energieprojekte.
Für Norwegen-Urlauber und Auswanderer ist das Thema deshalb wichtiger, als es auf den ersten Blick klingt. Viele Menschen verbinden Norwegen mit dem Gefühl, dass Natur überall selbstverständlich zugänglich ist. Das Jedermannsrecht, die kurzen Wege in den Wald, die nahen Berge und die offenen Küsten gehören zum Lebensgefühl des Landes. Wenn aber genau diese Naherholungsräume nach und nach verschwinden, verändert sich nicht nur die Landschaft, sondern auch ein Stück norwegischer Alltagskultur.
Die NINA-Forscher weisen außerdem darauf hin, dass Bebauung in Friluftsliv-Gebieten oft gleichzeitig besonders wichtige Naturflächen betrifft. Es geht also nicht nur um schöne Aussicht oder Wanderwege, sondern auch um Lebensräume für Tiere und Pflanzen, alte Wälder, Küstenzonen, Wildnischarakter und zusammenhängende Naturflächen.
Interessant ist auch: Die norwegische Regierung hat sich in ihrem Natur-Handlungsplan vorgenommen, die Bebauung besonders wichtiger Naturflächen bis 2030 zu reduzieren und den Nettoverlust bis 2050 auf ein Minimum zu begrenzen. Kritiker bemängeln jedoch, dass Friluftsliv-Gebiete dabei noch stärker berücksichtigt werden müssten. Denn Natur ist nicht nur ökologisch wertvoll – sie ist auch sozial, kulturell und gesundheitlich bedeutsam.
Die zentrale Frage lautet daher: Wie viel Natur kann Norwegen bebauen, ohne genau das zu verlieren, was das Land für Einheimische, Urlauber und Auswanderer so besonders macht?
Norwegen bleibt ein Land mit gewaltigen Naturflächen. Aber diese Zahlen zeigen: Auch dort ist Natur nicht unbegrenzt. Sie muss geplant, geschützt und bewusst verteidigt werden – nicht erst im Nationalpark, sondern oft direkt vor der Haustür.
Quellen:
forskning.no / NINA: „Enorme friluftslivsområder i Norge er bygget ned på få år“
DNT / Norkart: Bericht zu geplanten Bauflächen in Natur- und Friluftsliv-Gebieten
Miljødirektoratet: Leitfaden zur Kartierung und Bewertung von Friluftsliv-Gebieten