Der 17. Mai steht vor der Tür und in den Häusern der Norwegerinnen und Norweger gehen wieder die Schränke und alten Aussteuertruhen auf. Zum Vorschein kommen wunderschöne Trachten, geschmückt mit reichen Stickereien und silbernem Schmuck. Speziell an diesem Tag sieht man die schönsten Trachten des Landes – die Bunader. Grund genug, sich mal damit zu befassen.
Wer heute eine norwegische Bunad – die klassische Tracht – sieht, denkt meist sofort an Tradition, Stolz und vor allem festliche Anlässe. Aber nur wenige wissen: Die Wurzeln dieser Trachten liegen nicht nur im Festsaal, der Kirche oder im 17. Mai – sondern vor allem im ganz normalen Alltag der Menschen im alten Norwegen.
Früher trug die Landbevölkerung in Norwegen sogenannte „folkedrakter“ – Volkstrachten. Das waren vor allem regionale Kleidungsformen, die im täglichen Leben entstanden: praktisch, warm, haltbar und angepasst an Klima, Arbeit und diverse lokale Traditionen. Sie konnten also durchaus Arbeitskleidung sein – aber nicht nur. Zwischen Alltag, Arbeit, Kirchgang und Fest gab es fließende Übergänge. Oft war die Grundform ähnlich, aber Stoffe, Schmuck, Stickerei und Zustand der Kleidung zeigten, ob sie für den Stall, den Alltag oder den Feiertag gedacht war. Die heutige Bunad ist deshalb nicht einfach „alte Arbeitskleidung“, sondern meist die festliche Weiterentwicklung solcher regionaler Kleidungstraditionen. Ähnlich verhält es sich im Übrigen mit den beliebten Norwegerpullovern.
Ein besonders wichtiges Beispiel bei den Bunad ist die Hardangerbunad. Die Hardangerregion gehörte zu den Regionen mit besonders starken und lebendigen folkedrakt-Traditionen. Die Frauenbunad aus Hardanger gilt als Beispiel für eine fast ungebrochene Entwicklung von der alten folkedrakt zur heutigen Bunad. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Kirchkleider aus Hardanger im Zuge der Nationalromantik zu einem nationalen Symbol erhoben. Deshalb bekam die Hardangerbunad sogar den Beinamen „Nasjonalen“ – also „die Nationale“. Sie wurde zeitweise auch von Frauen aus anderen Teilen Norwegens getragen, um nationale Zugehörigkeit und Unterstützung für die Loslösung von Schweden zu zeigen.
Ganz anders ist die Nordlandsbunad. Sie wirkt heute alt und traditionell, ist aber eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts. Sie wurde 1928 eingeführt und hat nur eine lockerere, breit interpretierte Verbindung zur älteren Kleidungspraxis in Nordland. Gerade daran sieht man gut: Nicht jede Bunad ist eine direkte Fortsetzung alter Alltagskleidung. Manche Bunad wurden später bewusst entworfen, rekonstruiert oder komponiert.
Die Telemark wiederum zeigt besonders schön den Übergang zwischen alter Kleidungstradition und heutiger Festtracht. Der bekannte Beltestakk geht auf ältere folkedrakt-Traditionen zurück. Schlichtere Varianten gehörten eher zum Alltag, reichere Stoffe, Farben, Silber und Verzierungen eher zum Fest. Hier wird sichtbar, daß die Bunad nicht aus dem Nichts entstand, sondern aus einer regionalen Kleiderkultur herausgewachsen ist.
Eine zentrale Figur in dieser Entwicklung war Hulda Garborg. Sie war Schriftstellerin, Kulturvermittlerin und eine der wichtigsten Personen der norwegischen Bunadbewegung. Viele Fachleute heute sehen sie als die Einzelperson, die Bunadarbeit und Bunadgebrauch am stärksten geprägt hat. Mit ihrem Buch „Norsk Klædebunad“ von 1903, späteren Ausgaben, Vorträgen, Beratungen und ihrer Arbeit mit Volkstanz und „norskdom“* trug sie entscheidend dazu bei, alte regionale Kleidungstraditionen wieder ins Bewusstsein zu holen.
Dabei ging es Hulda Garborg nicht nur um Kleidung. Es ging um Kultur, Sprache, Tanz, Selbstbewusstsein und nationale Identität. Norwegen suchte im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach eigenen Symbolen – besonders vor und nach der Auflösung der Union mit Schweden in 1905. Die ländlichen Trachten wurden nun nicht mehr nur als alte Bauernkleidung gesehen, sondern als Ausdruck eines „echten“ Norwegens. An diesem Punkt trifft die Bunad auf die norwegische Nationalromantik. Künstler, Dichter, Sammler und Kulturaktivisten aus den Städten richteten den Blick auf Fjorde, Berge, Bauernkultur, Dialekte, Volksmusik und alte Kleidung. Was früher regionale Alltagskultur war, wurde nun zum nationalen Symbol und damit bekannt.
Die Bunad erzählt im Grunde immer zwei Geschichten zugleich:
Sie erzählt von der praktischen Kleidung früherer Generationen – von Wolle, Leinen, Arbeit, Kirche, Fest und regionaler Zugehörigkeit. Und sie erzählt von der bewussten Suche nach norwegischer Identität – von Nationalromantik, Kulturbewegung und dem Wunsch, etwas Eigenes sichtbar zu machen.
Die Bunad ist also keine einfache Kopie alter Arbeitskleidung. Sie ist eher eine veredelte, festliche und symbolisch aufgeladene Weiterentwicklung regionaler Kleidungstraditionen.
Heute wird sie vor zu besonderen Anlässen getragen – und genau das macht sie so besonders. Sie ist nicht nur Kleidung, sondern ein Stück Geschichte, das bewusst bewahrt wurde und das vielen Norwegern noch heute enorm wichtig ist, was die stetig wiederkehrenden Diskussion über das Tragen von ausländischen Trachten oder Flaggen am 17. Mai – dem Nationalfeiertag – zeigt.
* norskdom: (etwa: Norwegertum) bezeichnete besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert die kulturelle und nationale Bewegung, die das „eigentlich Norwegische“ hervorheben wollte. Dazu gehörten die oben genannte Hulda Garborg, aber auch der bekannte Ivar Aasen und Themen wie die Schriftsprache Nynorsk – um sich vom dänisch geprägten Bokmål zu distanzieren – oder eben die Volkstrachten.
